Es sollte ein „Herbst der Reformen“ werden. Kanzler Friedrich Merz hatte ihn vollmundig angekündigt, die schwarz-rote Koalition wollte mit einem 34-Punkte-Paket den Befreiungsschlag für den kriselnden Wirtschaftsstandort liefern. Für uns als Mittelständler, die wir jeden Tag mit Bürokratie, Energiekosten und Fachkräftemangel ringen, klang das nach einem greifbaren Hoffnungsschimmer. Am 1. Juli 2026 wurde nun das Paket beschlossen: Beweislastumkehr beim Bürokratieabbau, moderate Steuerentlastungen bei gleichzeitiger Anhebung der Vermögensteuer, arbeitsrechtliche Anpassungen. Einige Wirtschaftsverbände loben den Vorstoß gar als mutigen Befreiungsschlag, während Gewerkschaften und Praktiker scharfe Kritik üben. Wir in unseren Betrieben merken jedoch schnell: Das Paket lässt genau jene Strukturprobleme unangetastet, die uns am stärksten belasten – allen voran die explodierenden Sozialabgaben. Und die höhere Vermögensteuer trifft ausgerechnet jene von uns, die Substanz in ihren Unternehmen Substanz mehren, anstatt Rendite zu optimieren.
Von Reformen zu „Reförmchen“
Der Chefvolkswirt der LBBW, Moritz Kraemer, hat dafür eine bittere Formel gefunden: Aus dem angekündigten Herbst der Reformen seien bislang eher Wochen der „Reförmchen“. Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm wird deutlicher: Die Regierung adressiere eine Krise nach der anderen, schiebe die eigentlichen strukturellen Reformen aber immer weiter vor sich her – Deutschland steckt bereits seit 2017/2018 in einer strukturellen Krise, erkennbar an der stetig sinkenden industriellen Produktion. Enzo Weber vom IAB ergänzt: Die Industrie verliere mehr als 10.000 Jobs im Monat, ein Trend, der sich nur mit einer durchgreifenden wirtschaftlichen Erneuerung umkehren ließe, die aber nicht in Sicht sei.
Für uns bedeutet das sehr deutlich – weniger Aufträge, weniger Investitionsspielraum, mehr Unsicherheit bei Nachfolge und Standort.
Wachstum auf Pump statt aus eigener Kraft
Wie dünn das Eis ist, zeigt der Verlauf der Wachstumsprognosen 2026. Im Januar rechnete die Regierung noch mit 1,0 Prozent Plus, im April musste Wirtschaftsministerin Reiche das auf nur noch 0,5 Prozent halbieren – wegen des Kriegs im Nahen Osten und der faktischen Sperrung der Straße von Hormus, die weltweit Engpässe und Preisanstiege bei Energie und Rohstoffen auslösten. Und selbst dieses magere Wachstum ist kaum unser Verdienst, denn über 0,3 Prozentpunkte gehen allein auf günstig liegende Feiertage zurück, weitere 0,6 Punkte auf die hohe Neuverschuldung. Auch die Regierung räumt implizit ein: Rund zwei Drittel der erwarteten Wachstumsimpulse sollen von schuldenfinanzierten Sondervermögen kommen, während unsere eigene private Investitionstätigkeit im Jahreswirtschaftsbericht selbst als zentrale Herausforderung gilt.
Daraus folgern wir: „Der Staat kauft sich mit geliehenem Geld Wachstum, statt die Bedingungen zu schaffen, unter denen wir wieder aus eigener Kraft investieren.“
Vertrauen ist am Ende
Auch das Herzstück des Pakets, die Beweislastumkehr bei der Bürokratie, bleibt Theorie, solange sie nicht konsequent umgesetzt wird – genau das bezweifeln BDI, DIHK und BGA, die betonen, der Wert des Pakets liege nicht in seiner Verabschiedung, sondern in der schnellen, vollständigen und praxistauglichen Umsetzung. Eine Civey-Umfrage unter 1.000 Unternehmern bestätigt unsere Skepsis: Nur 18,3 Prozent trauen der Regierung zu, das Wachstum durch Reformen spürbar zu steigern, 78,4 Prozent verneinen dies – als Hauptgründe nennen sie das Taktieren der Koalitionspartner, mangelnde Praxisnähe und geringe Kompromissbereitschaft.
Fazit
Einzelne Maßnahmen lindern Symptome, ohne den eigentlichen Befund zu ändern: eine seit fast einem Jahrzehnt schwelende strukturelle Krise. Solange Wachstum überwiegend auf Pump erkauft, statt durch unsere Investitionen getragen wird und externe Schocks jede Erholung sofort wieder zunichtemachen, bleibt der Mehltau über der deutschen Wirtschaft liegen. Wer als Mittelstand auf Entlastung aus Berlin wartet, muss vermutlich noch sehr lange warten.


