KI darf kein Konzernprivileg werden

Künstliche Intelligenz ist längst im Unternehmensalltag angekommen. Nicht überall und sicher auch noch nicht in jedem Geschäftsprozess. Aber wer sich heute mit mittelständischen Unternehmern unterhält, merkt schnell: Das Thema ist da.

Texte werden vorbereitet, Informationen zusammengefasst, Angebote unterstützt, Daten ausgewertet oder erste Abläufe automatisiert. Manche Unternehmen sind schon deutlich weiter und integrieren KI direkt in Produktion, Vertrieb oder interne Prozesse.

Das finde ich grundsätzlich positiv. Denn gerade für den Mittelstand liegen hier enorme Chancen. Wenn Mitarbeiter weniger Zeit mit Routineaufgaben verbringen, Wissen schneller verfügbar ist oder Prozesse effizienter werden, kann KI einen echten Beitrag zur Produktivität leisten. Und genau davon brauchen wir in Deutschland mehr.

Eine aktuelle Befragung der DZ BANK unter mehr als 1.000 Inhabern und Geschäftsführern mittelständischer Unternehmen zeigt allerdings auch, wo das Problem liegt. 58 Prozent der Befragten nutzen bereits Künstliche Intelligenz. Gleichzeitig planen gerade einmal 16 Prozent nennenswerte Investitionen in diesem Bereich. Bei Unternehmen mit weniger als fünf Millionen Euro Jahresumsatz sind es sogar nur elf Prozent.

Diese Zahlen finde ich wesentlich interessanter als die Frage, wie viele Unternehmen schon einmal ChatGPT ausprobiert haben.

Denn natürlich ist es einfach, einen Zugang zu einem KI-Dienst einzurichten und damit erste Erfahrungen zu sammeln. Etwas völlig anderes ist es, fünf- oder sechsstellige Beträge zu investieren, eigene Prozesse umzustellen, Mitarbeiter zu schulen und KI dauerhaft in ein Unternehmen zu integrieren.

Genau an diesem Punkt entscheidet sich, ob aus dem aktuellen KI-Boom tatsächlich ein Produktivitätsschub für unsere Wirtschaft entsteht.

Ein Mittelständler hat keine eigene KI-Abteilung

In der politischen Diskussion über Künstliche Intelligenz geht es häufig um Milliardeninvestitionen, Rechenzentren, große Sprachmodelle und internationale Technologiekonzerne. Das ist alles relevant. Es bildet aber nur einen Teil unserer Wirtschaft ab.

Ein Familienunternehmen mit 30, 50 oder 100 Mitarbeitern hat normalerweise keine eigene KI-Abteilung. Häufig gibt es auch keine große Rechtsabteilung, die sich erst einmal mehrere Wochen mit Datenschutz, Urheberrecht und neuen regulatorischen Vorgaben beschäftigen kann.

Am Ende sitzt dort ein Geschäftsführer, ein IT-Verantwortlicher oder vielleicht ein kleines Team und muss eine ziemlich einfache Frage beantworten: Was bringt uns das konkret?

Und natürlich muss sich eine Investition rechnen.

Laut DZ BANK nennen 43 Prozent der Befragten Datenschutz und rechtliche Unsicherheiten als Hindernis. Jeweils 42 Prozent sehen keine passenden Einsatzmöglichkeiten oder geben an, schlicht nicht genügend Zeit zu haben. 41 Prozent können den konkreten wirtschaftlichen Nutzen bislang nicht ausreichend erkennen.

Das sollte man ernst nehmen.

Es bringt wenig, wenn wir politisch über Deutschland als zukünftigen KI-Standort sprechen, während ein Unternehmer zunächst mehrere Berater benötigt, um herauszufinden, was er mit seinen eigenen Daten überhaupt machen darf.

Regulierung muss auch für kleinere Unternehmen funktionieren

Natürlich kann die Antwort darauf nicht lauten, Künstliche Intelligenz überhaupt nicht zu regulieren. Es gibt berechtigte Fragen zum Datenschutz, zu Geschäftsgeheimnissen, zur Haftung und zum Schutz von Mitarbeitern und Kunden.

Mit dem europäischen AI Act gelten seit August weitere wesentliche Regelungen. Unternehmen werden sich damit beschäftigen müssen.

Mir fehlt in solchen Debatten allerdings häufig der Blick auf die praktische Umsetzung.

Eine Regel kann auf dem Papier sinnvoll aussehen und trotzdem in einem Unternehmen enorme Arbeit verursachen. Für einen Konzern mit eigener Rechts-, Datenschutz- und Compliance-Abteilung ist das ärgerlich. Für einen Betrieb mit 25 Mitarbeitern kann es dazu führen, dass man ein Projekt lieber gar nicht erst angeht.

Deshalb müssen Regeln verständlich sein. Unternehmen brauchen klare Ansprechpartner und vernünftige Leitfäden. Und wir sollten dringend darauf verzichten, europäische Vorgaben anschließend in Deutschland noch einmal mit zusätzlichen nationalen Anforderungen anzureichern.

Wir haben in Europa einen gemeinsamen Rechtsrahmen geschaffen. Jetzt sollten wir dafür sorgen, dass Unternehmen damit arbeiten können.

Aus Anwendern müssen Investoren werden

Deutschland bringt für die Nutzung von KI eigentlich hervorragende Voraussetzungen mit.

Gerade unser Mittelstand verfügt über etwas, das sich nicht einfach kopieren lässt: jahrzehntelang aufgebautes Fachwissen.

Ein Maschinenbauer in Ostwestfalen kennt seine Produkte, Kunden und Produktionsverfahren bis ins kleinste Detail. Ein industrieller Zulieferer im Sauerland verfügt über enorme Mengen an Prozesswissen. Ein Handwerksbetrieb weiß ziemlich genau, an welchen Stellen im Alltag unnötig Zeit verloren geht.

Wenn wir dieses Wissen sinnvoll mit Künstlicher Intelligenz verbinden, kann daraus ein echter Wettbewerbsvorteil entstehen.

Dafür müssen Unternehmen aber investieren können und wollen.

Ich halte deshalb wenig davon, für jede neue Technologie sofort das nächste kleinteilige Förderprogramm aufzulegen. Unternehmen wissen meistens selbst sehr gut, welche Software, Maschine oder Technologie ihnen hilft.

Interessanter wären aus meiner Sicht bessere steuerliche Rahmenbedingungen für Investitionen in Digitalisierung, Software, Automatisierung und KI. Schnellere Abschreibungen sind beispielsweise wesentlich unkomplizierter als ein Förderantrag, bei dem zunächst jemand entscheiden muss, ob ein Projekt den politischen Förderkriterien entspricht.

Unternehmerisches Risiko können und sollen wir den Unternehmen nicht abnehmen. Wir können aber dafür sorgen, dass Investitionen attraktiver werden.

Wir müssen auch über die Mitarbeiter sprechen

Bei kaum einer technologischen Entwicklung dauert es lange, bis die Diskussion darüber beginnt, wie viele Arbeitsplätze dadurch verschwinden könnten. Bei KI ist das nicht anders.

Ich halte wenig von diesen pauschalen Prognosen.

Natürlich werden Tätigkeiten verschwinden. Gleichzeitig werden neue entstehen und viele bestehende Berufe werden sich verändern. Das haben wir bei praktisch jeder großen technologischen Entwicklung erlebt.

Interessanter ist deshalb die Frage, wie wir Mitarbeiter in die Lage versetzen, mit diesen Werkzeugen produktiv zu arbeiten.

Wer beispielsweise heute mehrere Stunden in der Woche mit Dokumentationen, Recherche oder wiederkehrenden administrativen Aufgaben beschäftigt ist, kann durch KI möglicherweise deutlich entlastet werden. Gerade angesichts des Fachkräftemangels wäre es ziemlich fahrlässig, diese Möglichkeiten nicht zu nutzen.

Dazu braucht es Weiterbildung. Und die muss nicht immer über große staatliche Programme organisiert werden.

Viele Unternehmen können selbst am besten einschätzen, welche Kenntnisse ihre Mitarbeiter benötigen. Politik sollte betriebliche Weiterbildung deshalb möglichst einfach machen und Unternehmen nicht erst neue Dokumentationspflichten auferlegen, wenn sie ihre Leute qualifizieren wollen.

Und was ist eigentlich mit dem Staat?

An dieser Stelle wird die Diskussion aus meiner Sicht besonders interessant.

Wir verlangen von Unternehmen seit Jahren mehr Digitalisierung. Gleichzeitig müssen Betriebe dieselben Daten teilweise mehrfach an verschiedene Behörden übermitteln. Anträge können online ausgefüllt werden und landen anschließend trotzdem in Prozessen, die erstaunlich analog funktionieren.

Auch hier bietet Künstliche Intelligenz Möglichkeiten.

Standardisierte Vorgänge, die Prüfung von Unterlagen, interne Wissensdatenbanken oder die Beantwortung wiederkehrender Fragen sind nur einige Beispiele. Natürlich müssen Entscheidungen mit erheblichen rechtlichen Folgen weiterhin nachvollziehbar und kontrollierbar bleiben. Aber das ist kein Argument dafür, auf moderne Technologien zu verzichten.

Wenn der Staat möchte, dass Unternehmen digitaler und produktiver werden, darf er selbst nicht dauerhaft zehn Jahre hinterherlaufen.

Eine wirklich digitale Verwaltung würde dem Mittelstand wahrscheinlich mehr helfen als manches millionenschwere Digitalisierungsförderprogramm.

Gerade Nordrhein-Westfalen kann profitieren

Für Nordrhein-Westfalen ist das Thema besonders spannend, weil unsere Wirtschaftsstruktur wie gemacht dafür ist.

Wir haben große Industrieunternehmen, aber eben auch unzählige mittelständische Produktionsbetriebe, Handwerker, Händler, Dienstleister und hoch spezialisierte Familienunternehmen.

Dort muss KI ankommen.

Nicht als politisches Prestigeprojekt und auch nicht, weil gerade jeder über Künstliche Intelligenz spricht. Sondern überall dort, wo sie ganz konkret Prozesse verbessert, Kosten reduziert, Mitarbeiter entlastet oder neue Produkte ermöglicht.

Ein Handwerker braucht dabei andere Lösungen als ein Maschinenbauer. Ein Händler hat andere Anforderungen als ein industrieller Zulieferer. Genau deshalb halte ich auch wenig von der Vorstellung, Politik könne von oben definieren, wie Unternehmen KI einzusetzen haben.

Wir sollten vielmehr dafür sorgen, dass sie es können.

Dazu gehören für mich klare rechtliche Rahmenbedingungen, keine zusätzlichen deutschen Sonderregulierungen, bessere steuerliche Bedingungen für Investitionen und genügend Freiraum für betriebliche Weiterbildung.

Und auch der Staat selbst muss endlich zeigen, dass Digitalisierung mehr sein kann als ein PDF-Formular auf einer Webseite.

KI muss in der Breite der Wirtschaft ankommen

Am Ende wird sich der Erfolg Deutschlands bei Künstlicher Intelligenz nämlich nicht nur daran entscheiden, ob wir eigene große KI-Modelle entwickeln oder neue Rechenzentren bauen.

Für unsere Wirtschaft ist mindestens genauso entscheidend, ob ein Maschinenbauer in Ostwestfalen, ein Handwerksbetrieb im Ruhrgebiet, ein Zulieferer im Sauerland oder ein familiengeführter Händler am Niederrhein mit dieser Technologie produktiver werden kann.

Wenn KI dort ankommt, wo in Deutschland ein großer Teil der Wertschöpfung entsteht, wird daraus mehr als ein Technologietrend.

Dann kann daraus Wachstum entstehen.

Und genau deshalb darf Künstliche Intelligenz kein Konzernprivileg werden.

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