Florian Toncar beim LIM Kurzpfalz: Neues aus der Wirecard-Story

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Unser Bezirksverband Kurpfalz lud Dr. Florian Toncar, MdB und Mitglied im Wirecare-Untersuchungsausschuss, zu einem Online-Talk. Nach der Begrüßung durch den Bezirksvorsitzenden Holger Höfs gab Florian Toncar ein Update zum einzigartigen Finanzskandal um den Zahlungsdienstleister Wirecare:

Er meinte, dass bei diesem Skandal aufgezeigt werden kann, was in Deutschland alles falsch liefe. Das 1990 gegründete Unternehmen hatte zunächst Kunden im Bereich Online-Casinos und Erotik-Unternehmen. Da aber durch staatliche Beschränkungen diese Geschäftsbereiche im Laufe der Zeit immer schwieriger wurden, suchte sich Wirecard neue Geschäftsbereiche.

Strohmänner, Scheinrechnungen, falsche Kredite

Im Laufe der Zeit baute die Firma ein Netzwerk von Banken und Geschäftspartner auf, die mit zahlreichen Scheingeschäften die Anleger, also nicht nur die beteiligten Banken, sondern auch die Aktionäre täuschten. Diese Strohmänner – im Wesentlichen aus dem asiatischen Raum – erstellten Rechnungen für Dienstleistungen oder erhielten Kredite für Geschäfte bzw. Unternehmensaufkäufe. All diese Vorgänge waren aber gefälscht, die Leistungen existierten einfach nicht.

Der Untersuchungsausschuss eruierte, dass wahrscheinlich ab 2010 ein vorsätzlicher Betrug in den Unterlagen Einzug hielt: Bilanzfälschung im klassischen Fall. Um die verschobenen Summen zu erhöhen, wurden die Geschäftsvorgänge zu weit überhöhten Preisen abgewickelt. Die Gelder für diese Scheingeschäfte wurden überwiesen, und verschwanden – bis heute – in dunklen Kanälen.

Dr. Florian Toncar, MdB der FDP aus Böblingen

2019 war Feierabend. Als erstes fiel der Aktienkurs

Im Jahr 2019 wurde die Situation allmählich überkritisch. Das Schneeball-System ähnliche Vorgehen kam an seine Grenzen. Bei einer Überprüfung wurden illegale Machenschaften entdeckt. Dieser Bericht wurden der BaFin und der Staatsanwaltschaft München I, aber auch der Financial Times bekannt. In mehreren Artikeln beschrieb die Financial Times die illegalen Geschäfte von Wirecard. Daraufhin fiel der Aktienkurs von Wirecard um 40 %. Wirecard selbst wies diese Berichte als Versuche von Spekulanten zurück, die seit Jahren versuchten, Aktienmanipulationen durchzuführen.

Es folgten zwei Lügen von Wirecard. Zum einen wurde behauptet, man hätte Beweise, dass die Financial Times an diesen Manipulationen beteiligt wäre. Wirecard präsentierte einen Zeugen, der behauptete, dass der Versuch der Aktienkurs-Beeinflussung mit Hilfe der Financial Times existierte. Zum anderen behauptete Wirecard, dass Bloomberg sich gemeldet und 6 Millionen gefordert hätte, ansonsten würden sie ebenfalls entsprechende Artikel veröffentlichen.

Ohne jegliche Bestätigung dieser Behauptungen wurde ein Verbot von Leerverkäufen der Wirecard-Aktien erlassen. Zu diesem Zeitpunkt waren also die BaFin, die Staatsanwaltschaft München I und das Bundeministerium für Finanzen informiert. Dies entspricht der normalen Vorgehensweise bei solch schweren Eingriffen in den Markt.

Die BaFin und das Finanzministerium getäuscht

Die Journalisten der Financial Times wurden angezeigt. Wirecard schaffte es, die BaFin, die Staatsanwaltschaft und das Finanzministerium zum Werkzeug des eigenen Betrugskonzepts zu machen. Man glaubte Wirecard, ohne den Berichten Glauben zu schenken oder diese zu überprüfen.

Es kam, wie es kommen musste. Wirecard war insolvent geworden. Das erste DAX-Unternehmen, das Insolvenz anmelden musste. Und das Erstaunliche war: Es gab keine Beschwerden von Kunden – da es ja auch keine Kunden gab! Aber ein riesiger Schaden war trotzdem entstanden, denn das Fremdkapital sowie das Aktienkapital waren verschwunden. Eine geschätzte Gesamtsumme von etwa 27,5 Milliarden Euro!

Die Behörden nahmen endlich ihre objektive Arbeit auf. Obwohl über viele Jahre hinweg Unregelmäßigkeiten bekannt wurden, obwohl der Bericht aus Asien eindeutige Hinweise lieferte, hatte keine Behörde, und auch das zuständige Finanzministerium bis dahin nichts getan. Es hätte genügend Material gegeben, an Hand dessen man ein Betrug hätte nachweisen können. Der nach der Insolvenz eingesetzte neue Vorsitzende von Wirecard benötigte für diese Erkenntnis gerade mal wenige Stunden der Aktendurchsicht.

Wirtschaftsprüfung EY mit falschen Testaten

Auch die Wirtschaftsprüfer von EY hatten versagt. Die von ihnen ausgestellten Testate waren nichts wert. Eine Überprüfung hätte eigentlich zeigen können, dass hinter diesen undurchsichtigen Geschäften Betrug stand. Das für EY zuständige Wirtschaftsministerium erfüllte seine Aufsichtspflicht aber auch nicht, es hätte die grobe Fahrlässigkeit von EY sehe müssen.

Als Fazit kann man sagen: Viel Geld weg, die Behörden machten lange nichts, und heute weigern sich die Ministerien, Konsequenzen zu ziehen. Nur EY wird Konsequenzen sprüren: Die Prüfer wurden angezeigt und es werden Schadenersatzforderungen auf sie zukommen. Der LIM Kurpfalz dankt Florian Toncar für den Vortrag und die Möglichkeit, mit ihm zu diskutieren.

Text: Dr. Michael Kunzmann, stellv. Vorsitzender LIM Kurpfalz

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