Gastbeitrag Nicole Rauscher, LIM Bodensee-Oberschwaben: Losentscheid über das Schicksal von Unternehmen?

Share on facebook
Share on linkedin
Share on xing
Share on twitter
Share on email

Das neue Bundesförderprogramm „Digital jetzt“ ist nahezu unerreichbar für Mittelständler und Kleinbetriebe, die sich digital aufstellen wollen und alle Hebel in Bewegung setzen, um ihre digitale Transformation voranzubringen. So das Fazit von Nicole Rauscher aus Lindau. Unsere LIM-Kreisvorsitzende „Bodensee-Oberschwaben“ und Unternehmensberaterin/Coach hat ihre Erfahrungen mit dem Programm in einem Gastbeitrag zusammengefasst. Wir publizieren ihn hier und laden Sie ein, uns Ihre Meinung zu schreiben:

Gewaltig gebeutelt werden die Unternehmen durch die Maßnahmen, die ergriffen werden, um der Corona-Pandemie zu entkommen. Einerseits schaut die Regierung auf die Infektionszahlen, andererseits läßt sie aber Millionen Unternehmen ins offene Messer laufen. Einerseits ist die Gesundheit von Menschen so wichtig, dass hier die gesamte Welt lahmgelegt wird, andererseits erkranken genau an diesem Zustand andere und ziehen noch nicht absehbare Spätfolgen nach sich. Aber das spielt keine Rolle. Kann das jemand verstehen?

Mittelstand – bald ein Fall für die Intensivstation

Firmen werden kaputt gemacht, Konzerne haben bereits die Entlassungen von Tausenden von Mitarbeitern angekündigt. Doch die stabile und zuverlässige Kraft war bislang immer der Mittelstand. Dem wird jetzt aber auch weiter und weiter die Luft abgedrückt (auf welche Intensivstation können diese Patienten dann eingeliefert werden?) und wenn es vielleicht doch mal wieder Sauerstoff geben könnte, lässt ihn der Staat am langen Arm regelrecht verhungern oder er nimmt ihn auf selbigen.

Warum bin ich so erbost? Nachdem im August bekannt wurde, dass es bald ein neues Bundesförderprogramm geben soll, wurden in vielen Online-Vorträgen und -Infoveranstaltungen unzählige Hoffnungen geweckt. Die Referenten erklärten den neuen Star am Förderhimmel, das Programm „Digital jetzt“, in den schillerndsten Farben. Kompatibel mit Programmen wie „go digital“ oder „unternehmensWert:Mensch plus“ sei es auch noch. Ja prima, da hat sich jemand wirklich mal was einfallen lassen, was tatsächlich weiterhelfen könnte. Aber eben nur KÖNNTE!

Nur eine Stunde Zeit für Registrierung

So weit die Theorie, doch die Praxis sah ganz anders aus: Das Programm „Digital jetzt“ ist unerreichbar! Am 7. September 2020 war Start. Zugegeben, zu diesem Zeitpunkt war ich noch nicht dabei, aber aus seriösen Quellen erfuhr ich, dass es genau 1 Stunde möglich war, sich für Antragseinreichungen registrieren zu lassen. Ich traute zuerst meinen Ohren nicht, weil ich es nicht für möglich hielt. Aber es sollte noch härter kommen.

…neuer Start und erneut Probleme bei der Antragstellung

Am 15. Oktober wurden die Pforten zum Förderprogramm nochmals geöffnet. Um 9 Uhr sollte die Freischaltung erfolgen für neue Registrierungen. Also war ich superpünktlich am PC und bereit, sofort mit meinen Eingaben anzufangen. Als ich um 9.04 Uhr meine fertige Datei hochladen wollte, erschien die Anzeige, dass es wegen einem TECHNISCHEN DEFEKT auf der Seite nicht möglich sei. Ich sollte es später nochmals probieren. Das war genau um 9.04 Uhr! Ich probierte es wieder und wieder und blieb hartnäckig dran, aber jedes Mal kam die gleiche Meldung. Doch gegen ca. 10.21 Uhr veränderte sich die Nachricht: „Das Kontingent für Neu-Registrierungen ist erschöpft. Es kann kein neuer Nutzer angelegt werden“.

Es war ernüchternd! Keinen Förderantrag konnte ich eingeben. Dafür erfuhr ich von Kollegen und Kolleginnen aus dem ganzen Bundesgebiet, dass es ihnen genau gleich ging. Im ersten Moment schießen Gedanken durch den Kopf, wie „das gibt’s doch nicht“, aber im zweiten Moment könnte man auch über eine gewisse Absicht, die dahinterstecken könnte, nachdenken.

Webseite des Bundeswirtschaftsministeriums

In wenigen Tagen startet ein Zufallsverfahren

Inzwischen ist auf der Seite von „Digital jetzt“ folgender Text veröffentlicht: „…Die Registrierung wird am 1. Dezember 2020 wieder geöffnet und ist für alle Unternehmen dann fortwährend offen. Bereits bestehende Registrierungen behalten ihre Gültigkeit. Die monatlich verfügbaren Kontingente werden ab Januar 2021 auf Basis eines Zufallsverfahrens verlost. Die ausgelosten Registrierungen können einen Antrag vorbereiten und einreichen. Dieses Verfahren stellt maximale Transparenz und Chancengleichheit sicher. Weitere Informationen zum Losverfahren folgen in Kürze auf www.bmwi.de/digitaljetzt…“

Mittelstand wird herabgewürdigt

Da fehlen mir die Worte! Als sich die Gedanken langsam wieder ordneten, schossen mir Überlegungen in den Sinn wie ein „perfider Plan“, „Willkür“, „die eigene Haut retten wollen, indem etwas verkündet wird, was gar nicht funktionieren SOLL“, usw. Auf jeden Fall ist es in meinen Augen die totale Herabwürdigung des Mittelstands, denn dieses Bundesprogramm wird als „Investitionsförderung für KMU“ auf der Webseite beschrieben. Dazu ist dann noch eine Aussage von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) zu finden: „Wir fördern Investitionen in digitale Technologien und in digitales Knowhow.“ Aber der Mittelstand wird nicht gefördert, sondern noch viel mehr gedemütigt und teilweise damit sogar zum Tode verurteilt.

Unternehmer, schnapp das Würstchen!

Bei diesem Losverfahren drängt sich mir das Kinderspiel „Würstchen schnappen“ auf. Dabei werden an einer Schnur abgebundene Würstchen festgemacht und hochgespannt. Die Kinder müssen dann mit den Armen auf dem Rücken hochspringen und versuchen, etwas abzubeißen. Und manchmal wird die Schnur hochgezogen, damit keiner rankommt. Ich kenne diese Situation, wenn ich meinem Hund etwas Gutes tun will und ein Leckerle hinhalte. Das gebe ich ihm dann allerdings ohne ihm das vorher erst wieder wegzuziehen.

Was soll das, Herr Altmaier?

Das heißt, mit Tieren geht man freundlicher um als mit Menschen. Menschen, von denen der Staat bisher gut gelebt hat. Menschen, die mit ihrer Steuer all die Abgeordneten und Minister und Präsidenten zahlen, die nun solch vernichtende Maßnahmen dem Mittelstand anbieten. Dabei ist keine Spur von Anerkennung, Respekt, Achtsamkeit oder gar Wertschätzung zu erkennen. Deshalb frage ich: „Was soll das, Herr Altmaier?“

LIM-KONTAKT: Schreiben Sie uns von Ihren Erfahrungen als Mittelständler in Sachen Förderung. info@lim-bw.de

Autorin: Nicole Rauscher, www.nicole-rauscher.de

Copyright Fotos: LIM Ba-Wü

 

 

 

 

 

 

Weitere Beiträge

Pressemitteilung: Bundesverfassungsgericht kippt den Berliner Mietendeckel

Der Berliner Mietendeckel ist wegen fehlender Gesetzgebungskompetenz des Landes Berlin verfassungswidrig und damit nichtig. „Diese Entscheidung war erwartbar und wird von der Wohnungswirtschaft sehr begrüßt, weil dadurch ein wesentliches Hemmnis für den Bau neuer Wohnungen vom Tisch ist.,“ so die stellvertretende Bundesvorsitzende und wohnungspolitische Sprecherin der Bundesvereinigung Liberaler Mittelstand Sarah Zickler.

Weiterlesen »